Drehtagebuch

Aus dem Drehtagebuch von Klaus Pridnig,
Regieassistent


Drehtag 26
Winter 2006, Ostukraine, - 20° bis - 30


Zweimal sah ich Seidl bei den Dreharbeiten lächelnd und glücklich: Einmal, als uns ein Schneesturm während des Drehs in Košice überraschte, und wir kaum noch die Hand vor Augen sahen, ein zweites Mal in der Ostukraine, bei Schneeverwehungen und -30°. Während alle an den äußersten Grenzen ihrer Leistungs- und Leidensfähigkeit angekommen waren, war nur einer glücklich: Seidl.

Drehtag 34 Rote Bar im Hotel Zarkarpatia, Uschgorod, Westukraine

Weil für Seidl alle Motive original belassen werden müssen, was Atmosphäre und Menschen betrifft, musste in der roten Bar bei vollem Betrieb gedreht werden. Eingeklemmt zwischen betrunkenen ukrainischen Schlägern und einer korrupten, halbkriminellen Security drehten wir zwei Nächte lang unter Beschimpfungen und Bedrohungen. Einmal mussten wir sogar die Polizei einschalten, die aber auch erst einmal Geld von uns wollte, um die betrunkenen Schläger, die uns terrorisierten, zu entfernen. Seidl, der sich auf seine Inszenierung konzentrierte, bekam davon wenig mit, und wie bei minus Dreissig Grad im Schneesturm lächelte er und war glücklich. Zum dritten Mal, übrigens.

Drehtag 42 Vom minimalen Tanken in der Ukraine

Oft ging Fahrzeugen das Benzin aus, weil länger gedreht wurde, als ich ursprünglich geschätzt hatte. Einmal sprang Seidl wie ein Rumpelstilzchen, weil einem Motorrad beim Dreh das Benzin ausgegangen war. Er verstand nicht, dass, egal wie viel Geld ich dem Fahrzeughalter auch gab, dieser doch nur ein Gläschen Benzin tankte und den Rest des Geldes behielt. Minimales Tanken (tröpfchenweise) ist in der Armut der Ostukraine eine Tradition, die durch nichts durchbrochen werden kann. Schon gar nicht dadurch, dass ein Regisseur aus Österreich das will.

Drehtag 45 Stahlwerk Enakievo und die Mafia

Eines unserer Lieblingsmotive war ein Stahlwerk in Enakievo. Für die Drehgenehmigung mussten wir direkt mit einem Zweig der Donetzker Mafia verhandeln. Nach zähem Hin und Her und einem für mich äußerst ungesundem alkoholgeschwängertem Abend mit einem der zuständigen Halbweltler, gelang es, diese Genehmigung zu bekommen. Doch wie sooft bei Seidl: Kurz vor den Dreharbeiten befand er, das Motiv doch nicht zu brauchen, er sagte den Dreh einfach ab - der Halbweltler war vor den Kopf gestoßen. Erst als wir die Miete für das (nicht verwendete) Motiv zahlten und auch noch eine Flasche eines edlen Cognacs beifügten, versprach er, uns nicht umzubringen. Sofern wir ihm nie wieder unter die Augen kämen.

Drehtag 47 Heizung abdrehen bei - 20°.

In der Ostukraine hatten wir eine Wohnung ausgewählt, die zur Wohnung der Figur Olga umgestaltet wurde. Die Wohnung war wie viele sehr kalte Wohnungen in der Ostukraine fernwärmegeheizt, das heißt, dass sie willkürlich vom Staat ab- und angeschaltet werden konnten. Diese Wohnung war allerdings zufällig wärmer als üblich. Und so wollte Seidl, der den Atem vor den Gesichten der Darsteller sehen wollte, wie er das von seinen Recherchen kannte - dass wir den Besitzern die Erlaubnis abringen, Ventile in die Heizung einzubauen, um diese abzuschalten. Die Besitzer der Wohnung hielten uns tagelang für verrückt – wer dreht bei –20 Grad die Heizung ab? Sie stimmten Seidls Kühlwunsch erst nach langwierigen Verhandlungen zu.

Drehtag 51 Das Laienhundcasting in der Geriatrie


Trotz meiner Bedenken, dass der ganze Dreh an Schwierigkeiten kaum zu übertreffen sei, wollte Seidl unbedingt einen Hund in diversen Szenen. Da Seidl kaum professionelle Darsteller besetzt, musste klarerweise auch der Hund ein Filmamateur sein, ein trainierter Filmhund kam nicht in Frage. Also durchkämmten wir das Krankenhausgelände und suchten Schwestern, Ärzte und Pfleger, die einen Hund besaßen. Wir veranstalteten sozusagen ein Laienhundecasting. Der Hund, der zuletzt ausgewählt wurde, und uns in vielen Szenen mehr störte als begeisterte, kommt im fertigen Film übrigens in einer Szene vor. Immerhin.

Drehtag 57 Faschingsfest in der Geriatrie

Das schwierigste Unterfangen beim ganzen Geriatrie-Dreh war das Faschingsfest. All die alten Leute von verschiedenen Stationen zum Drehort zu schaffen, sie zu schminken und zu kostümieren, die Dreharbeiten mit der Essensausgabe zu koordinieren, die verantwortlichen Pfleger zu beschwichtigen oder gar zur Kooperation zu bewegen, das ganze stundenlang unterlegt vom Lied „Wiener Blut“ - eine echte Sisyphus-Arbeit. Von allen Lainz-Dreh-Tagen war dies der anstrengendste, härteste, organisatorisch komplizierteste und genehmigungstechnisch heikelste. Selten waren wir so froh, einenDrehtag hinter uns gebracht zu haben, selten waren wir vor allem so froh, dass wir es überhaupt drehen konnten. Seidl schreckt so etwas nur wenig: Monate später wurde die ganze Szene noch einmal gedreht, weil Seidl nicht zufrieden mit dem Ergebnis war. Ich kenne ihn. Ich hätte das vorraussagen können.

Drehtag 62
Herr Koller und der Schweinsbraten


Ein schwieriger Patient, Herr Koller, war nur solange zur Kooperation bereit, als sein Fernseher lief. Stundenlang lag er seitlich aufgestützt in seinem Bett, die Nase zwei Zentimeter vor dem Bildschirm, weil er schon fast blind war, den Ton voll aufgedreht, weil er schon schlecht hörte. Wann immer man ihn bat, den Fernseher auszuschalten oder aber den Ton leiser drehte, erhob sich ein Schreikonzert ersten Ranges. Herr Koller schrie, Herr Koller brüllte. Es war kaum auszuhalten. Dann trat Seidl auf. Er sprach mit ihm und versprach, ihm das nächste Mal Schweinsbraten mitzubringen. Von diesem Moment an fragte Herr Koller immer nur nach Herrn Seidl, und ob er ihm vielleicht wieder Schweinsbraten brächte. Der Fernseher war gar kein Problem mehr. Den Schweinsbraten aß er übrigens in der Nacht, wenn alle anderen schliefen.

Drehtag 68 Lieber Heiliger Herr Ulrich

Frau Schlamm, uralt und bettlägrig, begann laut zu beten, wenn jemand ihren Raum betrat: „Heiliger Antonius“, flehte sie, „bitte, bitte, bring mich doch zu meinen Eltern in den Garten. Bitte, bringe mich wenigstens zur Bushaltestelle, damit ich selber fahren kann. Bitte lieber Heiliger Antonius. Meine Eltern werden es dir mit ganz viel Obst vergüten, das du dann mitnehmen kannst.“ Nach zwei Drehtagen klang ihr Gebet dann so: „Lieber Herr Ulrich! Bitte bringen Sie mich zur Haltestelle, damit ich zu meinen Eltern fahren kann. Bitte, bitte, lieber Herr Ulrich...“