Interview Ed Lachman

Der US-Amerikaner Ed Lachman ist einer der vielseitigsten Kamermänner des zeitgenössischen Kinos. Lachmans Lehrjahre fielen in die Blütezeit des deutschen Autorenkinos der 70er-Jahre. Er arbeitete mit Werner Herzog („Stroszek“), Wim Wenders oder Volker Schlöndorff. Später fotografierte er in den USA Blockbuster wie Steven Soderberghs „Erin Brockovich“ mit Julia Roberts. Zuletzt stand er für einige der erfolgreichsten Filme des US-Independent-Kino hinter der Kamera: für Sofia Coppola (The Virgin Suicides), Todd Haynes ( I‘m Not There) oder Robert Altmans letzter Film „A Prairie Home Companion“. Bei Larry Clarks „Ken Park“, führte er auch Co-Regie. Ed Lachmans Werk umfasst 62 Dokumentar- und Spielfilme.

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Ulrich Seidl ist als Perfektionist bekannt. Auf der anderen Seite ist er offen für den kreativen Input von Leuten, die wissen was sie tun. Waren Sie bereit, den Inhalt des Filmes mitzugestalten?

Ed Lachman: Nun, Ulrich ist sehr stark darin, wie er visuell eine Geschichte erzählt, indem er Tableaus benutzt, die dem Publikum gestatten, die Welt von Außen zu betreten, fast wie jemand, der einen Raum betritt und sich in dem Raum umsieht, oder wie wenn man auf der Strasse gehen würde. Er lässt den Betrachter in gewisser Weise die Kamera sein, und dann setzt er die Handkamera ein, um mit seinen Protagonisten noch intimer zu sein, so dass das Publikum noch mehr involviert ist.

Mussten Sie viel improvisieren? Kameratechnisch?


Lachman: Ja, es gibt ein gewisses Maß an Improvisation, und daher kommt, glaube ich auch die Kraft seiner Bilder. Es sind keine überstilisierten Hochglanz-Bilder, es sind Bilder, von denen er will, dass wir sie ihm glauben. Bilder, die zu den Protagonisten, zur Geschichte führen. Da ist kein Widerspruch, zwischen dem, was du siehst, und dem, was du für die Protagonisten empfindest. Alles wächst zusammen. Ich denke, dass Ulrichs Filme eine gewisse Zerbrechlichkeit der menschlichen Erfahrung einfangen, und dass die Kamera das ebenfalls einfangen muss.

Seidls Bilder sind häufig provokant. Betreten Sie dieses bizarre Universum mit Leichtigkeit oder haben Sie damit Probleme?

Lachman: Nein, ganz und gar nicht. Ich glaube, die Leute verstehen oft nicht, dass diese Bilder Metaphern sind. Das ist die Stärke des Kinos: Wie du eine Geschichte in visuellen Metaphern erzählst. Und wie Bilder dann Ideen repräsentieren, und über das hinausgehen, was du gerade siehst.

Wie gehen Sie mit Ulrich Seidls Neugier um, die intimsten Geheimnisse der Protagonisten auszuleuchten?

Lachman: Für mich enthüllt Seidl private Momente von Menschen, die man nicht notwendigerweise sehen will; Momente, die man vielleicht bei sich selbst erlebt. Ich glaube, das ist es, was sein Geschichten-Erzählen so effektiv macht. Für mich ist er eigentlich ein sehr moralischer Regisseur. Sein Geschichten-Erzählen ist sehr moralisch, ohne dass er selbst ein Moralist wäre. Das ist, glaube ich, eine sehr schwierige Sache, und ich glaube nicht, dass es seit Kieslowski einen Regisseur gegeben hat, der so etwas gemacht hat. Er zeigt Dinge mit seiner persönlichen Art der Moral - ohne dabei dem Zuschauer zu predigen. Seidl erlaubt der Intelligenz der Zuschauer, die Wahl zu treffen, wie sie etwas aufnehmen.

Wie geht es Ihnen mit Seidls Gang auf der dünnen Linie zwischen Dokumentarfilm und narrativem Spielfilm?

Lachman: Seltsamerweise halte ich alle Filme für dokumentarisch. Denn sogar in einem narrativen Film, in dem man die Kamera aufstellt, das spezifische Licht setzt, die Schauspieler dieselben Zeilen sagen werden, selbst da ist keine Einstellung, keine Bewegung jemals dieselbe. Seidl ist als Regisseur dafür bekannt, dass er am Set nicht allzu viel Worte verliert.

Arbeiten Sie mit intuitiven Menschen wie ihm, mit „leisen Regisseuren“, gut zusammen ...


Lachman: Das ist einen Sache des gegenseitigen Verständnisses. Man kann alle Konversationen der Welt führen, aber trotzdem zu keinem Verständnis kommen. Man kommuniziert ja nicht nur durch Worte. Was für mich an seiner Arbeit interessant ist, ist, dass er die Grenzen des Films auslotet. Traditionell denken wir von Film als der Illusion von Realität. Aber was ist die Realität der Illusion? Ich denke, er hinterfragt, was die Realität der Illusion ist. Oder ist die Realität die Illusion? Vielleicht geht es ihm vielmehr darum: ist die Realität die Illusion? Das ist eines der Paradoxa von Seidls Arbeit.

Was Sie sagen, klingt sehr theoretisch. Aber auf der anderen Seite ist da diese schiere, fleischliche Energie seiner Filme...


Lachman: Stimmt, und ich denke, das ist es auch, was für viele Menschen so verstörend ist. Sie sind nicht sicher: soll das eine Art Realität dokumentieren oder ist es ein narratives Element? Aber ich denke, wenn man eine Geschichte erzählen will, muss man beide Seiten erkunden, und wie ich schon gesagt habe, er hält ihnen diesen Spiegel vor, in dem sie sich selbst sehen können. Das ist die Kraft in seiner Arbeit und das macht seine Arbeit so einzigartig.